Mentale Gesundheit

Portait einer zufrieden wirkenden älteren Frau

Das einzig sichere Mittel gegen Cellulite ist Photoshop

Zugegeben: Das ist eine ziemlich provokante Überschrift. Aber sie bringt eigentlich ganz gut auf den Punkt, worüber ich heute sprechen möchte: nicht über Cellulite, sondern darüber, warum wir Frauen so unglaublich viel Energie darauf verwenden, unseren Körper zu verändern.

Warum ich mit 60+ viel gelassener in den Spiegel schaue – und warum das vielleicht einer der schönsten Vorteile des Älterwerdens ist

Ich weiß noch ziemlich genau, wie ich früher in den Spiegel geschaut habe.

Nicht, um mich anzusehen.

Sondern um zu suchen.

Was stimmt nicht?

Die ersten kleinen Fältchen. Die Haut, die an manchen Stellen nicht mehr ganz so straff war. Die eine oder andere Delle an den Oberschenkeln. Und natürlich die Cellulite, die offenbar dringend bekämpft werden musste.

Ich habe damals einiges dafür getan, möglichst lange so auszusehen wie mit 30.

Ich habe Geld für Mittelchen ausgegeben, die mir einen glatteren, strafferen, jugendlicheren Körper versprachen. Und noch viel mehr Zeit darauf verwendet, mich mit meinem Aussehen zu beschäftigen

Heute denke ich manchmal: Was hätte ich mit dieser Zeit alles anfangen können?

Und gleichzeitig bin ich gar nicht undankbar für diese Phase.

Denn sie hat mir irgendwann etwas beigebracht, das ich heute als einen echten Segen des Älterwerdens empfinde:

Ich muss nicht mehr aussehen wie mit 30, um mich schön zu finden.

Die Cellulite ist geblieben. Mein Blick darauf hat sich verändert.

Cellulite habe ich übrigens immer noch. Überraschung! 😉

Und auch meine Haut ist nicht mehr so straff wie früher.

Mein Körper hat sich verändert. Natürlich hat er das.

Aber irgendwann habe ich aufgehört, jede Veränderung als persönlichen Auftrag zu betrachten.

Früher konnte eine kleine Delle in meinem Oberschenkel schon mal einen ganzen inneren Dialog auslösen:

Das müsste eigentlich glatter sein.

Was könnte ich dagegen tun?

Vielleicht diese Creme?

Oder doch diese Massage?

Und wenn ich wieder mehr trainiere?

Heute schaue ich in den Spiegel und denke eher:

Da ist meine Cellulite. Und da sind meine Beine. Und beides gehört zusammen.

Das heißt nicht, dass mir mein Aussehen egal geworden ist.

Ganz im Gegenteil.

Ich bin durchaus eitel geblieben. Als typische Waagefrau kann ich das wohl kaum leugnen. 😉

Ich freue mich über schöne Kleidung, gepflegte Haut, meine Haare und die Seiten an mir, die ich besonders mag.

Und natürlich tue ich auch gerne etwas dafür, diese attraktiven Seiten möglichst lange zu erhalten.

Aber der entscheidende Unterschied ist:

Ich tue es heute viel mehr aus Freude an mir – und viel weniger aus Angst vor dem Älterwerden.

Ich habe mich mit dem Thema Cellulite übrigens schon ausführlicher beschäftigt und auch darüber geschrieben, was ich persönlich gegen Cellulite ab 50 unternehme.

Irgendwann wurde aus „Ich möchte schön sein“ ein „Ich darf nicht alt aussehen“

Ich glaube, genau hier liegt eine ziemlich wichtige Grenze.

Es ist völlig normal, sich attraktiv fühlen zu wollen.

Wir dürfen unsere Haare färben, unsere Haut pflegen, Sport machen, uns schminken, schöne Kleidung tragen oder etwas gegen Cellulite unternehmen, wenn wir uns damit wohler fühlen.

Daran ist überhaupt nichts verkehrt.

Problematisch wird es meiner Meinung nach erst dann, wenn aus dem Wunsch nach Pflege ein ständiger Kampf gegen den eigenen Körper wird.

Wenn jede Falte, jede Delle und jedes nachlassende Spannungsgefühl zu einer neuen Baustelle erklärt wird.

Wenn wir beim Blick in den Spiegel nicht mehr sehen, was an uns schön

st – sondern nur noch das, was weg muss.

Dann beginnt Körperpflege irgendwann, gegen uns selbst zu arbeiten.

Und das kann ganz schön viel kosten.

Nicht nur Geld.

Sondern auch Zeit, Nerven und Lebensfreude.

Das einzig sichere Mittel gegen Cellulite ist Photoshop

Natürlich ist das überspitzt.

Aber wenn es darum geht, einen Körper auf einem Foto innerhalb weniger Sekunden völlig glatt erscheinen zu lassen, ist Photoshop wahrscheinlich tatsächlich zuverlässiger als die meisten Cremes. 😉

Und genau darin liegt für mich die Absurdität unseres Schönheitsideals.

Wir vergleichen unseren echten Körper mit Bildern, die mitunter gar keinen echten Körper mehr zeigen.

Glatte Oberschenkel. Ebenmäßige Haut. Keine Dellen. Keine Fältchen. Keine sichtbaren Spuren des Lebens.

Und dann stehen wir selbst vor dem Spiegel und wundern uns, warum wir diesen Zustand nicht erreichen.

Vielleicht ist nicht unser Körper das Problem. Vielleicht ist manchmal einfach der Vergleich falsch.

Selbstakzeptanz bedeutet nicht: Jetzt ist mir alles egal

Ich möchte allerdings auch nicht in das andere Extrem kippen.

Denn Selbstakzeptanz bedeutet für mich nicht:

„Dann kann ich mich ja völlig gehen lassen.“

Auch das habe ich bei manchen Menschen beobachtet.

Irgendwann wird aus Gelassenheit eine gewisse Lieblosigkeit sich selbst gegenüber. Man kümmert sich nicht mehr um den eigenen Körper, obwohl einem Bewegung, Pflege, schöne Kleidung oder ein gepflegtes Äußeres eigentlich guttun würden.

Das wäre für mich nicht die Lösung.

Ich möchte weder dem Jugendwahn hinterherlaufen noch mich selbst aufgeben.

Dazwischen liegt für mich etwas viel Schöneres: liebevolle Selbstfürsorge.

Ich darf mich um mich kümmern.

Aber ich muss mich nicht ständig korrigieren.

Ich möchte meine schönen Seiten betonen – nicht meine vermeintlichen Fehler bekämpfen

Vielleicht hat sich mein Blick auf mich selbst deshalb so verändert.

Früher habe ich oft gefragt:

Was könnte ich an mir noch verbessern?

Heute frage ich mich viel eher:

Was mag ich an mir – und wie kann ich mich daran erfreuen?

Das kann eine schöne Haut sein, gepflegte Haare, ein gutes Körpergefühl, ein schönes Kleid, ein dezentes Make-up, ein Lächeln oder einfach die Tatsache, dass ich mich in meinem Körper grundsätzlich wohlfühle.

Und natürlich darf ich auch etwas dafür tun.

Ich darf Sport machen, weil ich mich danach besser fühle.

Ich darf meine Haut pflegen, weil ich gepflegte Haut schön finde.

Ich darf meine Haare stylen, weil es mir Freude macht.

Und wenn ich mich über eine Behandlung oder ein Beautyprodukt freue, dann ist das ebenfalls völlig in Ordnung.

Der Unterschied liegt für mich nicht darin, ob wir etwas für unser Aussehen tun.

Der Unterschied liegt darin, warum wir es tun.

Jugendwahn kann mehr nehmen, als er gibt

Ich glaube, gerade für Frauen ab 50 kann das ein wichtiges Thema sein.

Denn wir leben in einer Zeit, in der uns ständig vermittelt wird, dass wir unser Alter möglichst unsichtbar machen sollten.

Noch straffere Haut.

Noch weniger Falten.

Noch weniger Cellulite.

Noch jünger aussehen.

Und natürlich gibt es für jedes vermeintliche Problem das passende Produkt.

Das ist ein ziemlich cleveres Geschäftsmodell.

Denn wer seinen Körper als Baustelle betrachtet, findet immer etwas, das noch verbessert werden

könnte.

Eine neue Falte?

Ein neues Serum.

Eine Delle?

Eine neue Creme.

Nachlassende Spannkraft?

Ein neues Treatment.

Und wenn wir Pech haben, stehen wir zehn Jahre später immer noch vor dem Spiegel und suchen nach dem nächsten Problem.

Dabei könnten wir diese Energie auch ganz anders verwenden.

Für Menschen, die wir lieben.

Für Dinge, die uns Freude machen.

Für Kreativität.

Für Bewegung.

Für Reisen.

Für neue Erfahrungen.

Oder einfach für einen schönen Nachmittag, an dem wir uns keinen einzigen Gedanken darüber machen, ob unsere Oberschenkel im richtigen Licht gut aussehen.

 

Älterwerden hat auch Vorteile

Ich hätte früher nicht gedacht, dass ich das einmal sagen würde.

Aber heute empfinde ich es tatsächlich als eine Art Geschenk, älter zu werden.

Nicht, weil das Älterwerden immer angenehm wäre.

Natürlich gibt es Veränderungen, mit denen man sich erst einmal arrangieren muss.

Aber ich habe etwas gewonnen, das ich mit 30 noch nicht hatte:

Gelassenheit.

Ich muss mich nicht mehr mit einer jüngeren Version meiner selbst vergleichen.

Ich kann anerkennen, dass ich mit 60+ anders aussehe als mit 30 – und mich trotzdem schön finden.

Vielleicht sogar auf eine andere Art.

Nicht unbedingt schöner im Sinn von jung und glatt.

Aber freundlicher.

Wohlwollender.

Selbstbewusster.

Und mit deutlich weniger innerem Stress.

Ich möchte mich nicht aufgeben. Aber ich möchte mich auch nicht bekämpfen.

Vielleicht ist das für mich die eigentliche Gratwanderung.

Ich möchte mich nicht vernachlässigen.

Ich möchte mich pflegen, bewegen, gut ernähren und mich schön anziehen.

Ich möchte meine attraktiven Seiten durchaus betonen.

Ich darf eitel sein.

Aber ich möchte nicht mehr jeden vermeintlichen Makel zu einem Projekt machen.

Ich möchte nicht jeden Morgen aufstehen und überlegen, was an mir heute wieder repariert werden müsste.

Ich möchte mich um meinen Körper kümmern, weil ich ihn liebe – nicht weil ich ihn ablehne.

Und vielleicht ist genau das eine der schönsten Veränderungen, die das Älterwerden mit sich bringen kann.

Irgendwann schaut man in den Spiegel und sieht nicht mehr nur das, was verschwunden ist.

Man sieht auch all das, was geblieben ist.

Und darüber kann man sich freuen.

Vielleicht sollten wir unsere vermeintlichen Schwachstellen etwas kleiner machen

Cellulite ist eine Delle in der Haut.

Nicht mehr und nicht weniger.

Eine Falte ist eine Falte.

Nicht der Beweis dafür, dass wir weniger attraktiv geworden sind.

Und ein Körper, der nicht mehr aussieht wie mit 30, ist kein gescheiterter Körper.

Er ist ein Körper, der älter geworden ist.

Unser Selbstwert sollte nicht davon abhängen, wie glatt unsere Oberschenkel sind.

Und schon gar nicht davon, ob ein bearbeitetes Foto uns vorgaukelt, dass irgendwo auf dieser Welt Frauen in unserem Alter ohne Cellulite, Falten oder schlaffe Haut herumlaufen.

Vielleicht ist es an der Zeit, unseren Blick ein wenig zu verändern.

Nicht:

„Was muss ich an mir noch verbessern?“

Sondern:

„Was mag ich an mir – und wie kann ich mich heute daran freuen?“

Ich finde, das ist eine ziemlich gute Frage für jedes Alter.

Aber vielleicht ganz besonders für unseres.

FAQ

Ist Selbstakzeptanz dasselbe wie sich nicht mehr um sein Aussehen zu kümmern?

Nein. Selbstakzeptanz bedeutet nicht, dass einem das eigene Aussehen egal sein muss. Man kann sich pflegen, schminken, Sport treiben oder Beautybehandlungen nutzen und sich trotzdem grundsätzlich so annehmen, wie man ist. Entscheidend ist eher, ob die Maßnahmen aus Freude und Selbstfürsorge entstehen – oder aus dem Gefühl, mit sich selbst stimme etwas nicht.

Darf ich trotz Selbstakzeptanz etwas gegen Cellulite tun?

Natürlich. Wenn dir Massage, Bewegung, Hautpflege oder eine andere Maßnahme Freude macht, spricht nichts dagegen. Selbstakzeptanz bedeutet nicht Verzicht auf Beauty, sondern dass dein Wohlbefinden und dein Selbstwert nicht davon abhängen, ob die Cellulite vollständig verschwindet.

Warum fällt Selbstakzeptanz mit zunehmendem Alter manchmal schwer?

Weil wir ständig mit Bildern konfrontiert werden, die Jugend, glatte Haut und einen bestimmten Körper als Schönheitsideal darstellen. Gleichzeitig verändert sich der eigene Körper ganz natürlich. Der Vergleich zwischen einem echten, gelebten Körper und idealisierten Bildern kann deshalb besonders belastend sein.

Wie kann ich lernen, gelassener mit meinem Aussehen umzugehen?

Ein guter Anfang kann sein, den Blick bewusst von vermeintlichen Makeln auf das Ganze zu lenken. Was gefällt dir an dir? Was kann dein Körper? Was möchtest du erhalten, weil es dir wichtig ist? Und welche Dinge möchtest du vielleicht nicht mehr zu einem Problem machen?

Kann man mit 50, 60 oder 70 noch eitel sein?

Unbedingt! Eitelkeit ist kein Privileg der Jugend. Sich schön fühlen zu wollen, sich schick zu machen und Freude am eigenen Aussehen zu haben, kann in jedem Alter wunderbar sein. Es muss nur nicht bedeuten, dem eigenen Alter den Krieg zu erklären.

Über die Autorin

Melanie beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit den Themen Longevity, Ernährung und gesundes Altern für Frauen ab 50. Auf StayYoung50up veröffentlicht sie wissenschaftlich recherchierte Beiträge, ergänzt durch eigene Erfahrungen aus dem Alltag. Sie ist außerdem Autorin des Buches Stay Young – Longevity für Frauen ab 50.

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