Mentale Gesundheit

Frau sitzt am Boden und malt ein Bild

Flow ab 50: Warum kreative Beschäftigung gleichzeitig fordert und entspannt

Kennst du dieses Gefühl, dass du mit etwas anfängst – und plötzlich sind drei Stunden oder mehr vergangen?

Du hast überhaupt nicht auf die Uhr geschaut.

Du hast nicht darüber nachgedacht, was du später noch erledigen musst.

Du hast keine Lust, zwischendurch aufs Handy zu schauen.

Und irgendwann merkst du vielleicht nur:

Mein Magen knurrt. Ich sollte wohl mal etwas essen.

Genau das ist für mich Flow.

Ich kenne dieses Gefühl noch sehr gut aus meiner Zeit als Designerin.

Und ich habe es geliebt.

Wenn die Ideen einfach fließen

Ich habe viele Jahre als Diplom-Designerin für die Textilindustrie freie Entwürfe von Hand gestaltet.

Wenn ich einmal richtig in einer Arbeit drin war, konnte ich stundenlang daran arbeiten.

Und zwar meistens im Stehen.

Ich war konzentriert, aber nicht verkrampft. Ich war beschäftigt, aber nicht gestresst.

Manchmal habe ich bis spät in die Nacht gearbeitet, ohne das Gefühl zu haben, dass ich eigentlich längst ins Bett müsste.

Nicht selten habe ich sogar vergessen zu essen.

Erst wenn mein Magen irgendwann unüberhörbar protestierte, fiel mir ein:

Ach ja. Es wäre vielleicht mal wieder Zeit, in die Küche zu gehen. 😉

Das Schönste daran war aber gar nicht die lange Arbeitszeit.

Es war dieses Gefühl, wenn die Ideen einfach kamen.

Eine Idee führte zur nächsten.

Ich musste nicht verzweifelt überlegen: Was könnte ich jetzt bloß machen?

Im Gegenteil:

Je mehr ich machte, desto mehr Ideen kamen.

Und genau dieses Gefühl, wenn etwas fast wie von selbst zu fließen scheint, gehört für mich zu den schönsten Erfahrungen kreativen Arbeitens.

Heute weiß ich: Dafür gibt es einen ziemlich passenden Begriff.

Flow.

Was bedeutet Flow eigentlich?

Der Psychologe Mihály Csíkszentmihályi hat den Begriff „Flow“ bekannt gemacht.

Gemeint ist ein Zustand intensiver Konzentration und völligen Aufgehens in einer Tätigkeit.

Du bist so sehr bei der Sache, dass die Tätigkeit selbst in den Mittelpunkt rückt.

Die Forschung beschreibt mehrere typische Merkmale:

  • intensive Konzentration
  • ein Gefühl von Kontrolle
  • ein verändertes Zeitgefühl
  • weniger Selbstbeobachtung
  • unmittelbares Feedback aus der Tätigkeit
  • und das Gefühl, dass die Tätigkeit aus sich heraus befriedigend ist.

Vielleicht kennst du das auch unter anderen Worten:

„Ich war völlig drin.“

„Ich habe die Zeit vergessen.“

„Ich war wie weg.“

Oder eben:

„Es lief einfach.“

Warum entsteht Flow überhaupt?

Eine der bekanntesten Voraussetzungen für Flow ist ein bestimmtes Verhältnis zwischen Anforderung und Können.

Die Aufgabe darf nicht zu leicht sein.

Denn dann wird es langweilig.

Sie darf aber auch nicht so schwierig sein, dass wir uns ständig überfordert fühlen.

Dann entsteht eher Stress oder Frust.

Interessant wird es dort, wo die Aufgabe uns ein bisschen fordert, aber wir gleichzeitig das Gefühl haben: Ich kann das schaffen.

Genau dort kann dieser Zustand intensiver Beschäftigung entstehen. Die Forschung findet für das Zusammenspiel von Herausforderung und Fähigkeiten deutliche Hinweise, wobei das klassische Flow-Modell inzwischen differenzierter betrachtet wird als früher.

Und ich glaube, genau deshalb kann Flow bei ganz unterschiedlichen Menschen entstehen.

Bei mir beim Gestalten.

Bei jemand anderem beim Tanzen.

Beim Musizieren.

Beim Schreiben.

Beim Fotografieren.

Beim Kochen.

Oder – was ich persönlich nur schwer nachvollziehen kann – beim technischen Tüfteln. 😉

Es gibt Menschen, die können sich stundenlang mit irgendeinem Gerät beschäftigen, auseinandernehmen, wieder zusammensetzen und dabei offensichtlich ein Hochgefühl erleben.

Ich schaue ihnen dabei zu und denke:

Wie kann man daran so viel Freude haben?

Aber vermutlich denken manche Menschen genauso über meine Stoffentwürfe und meine Bilder.

Und genau das ist der Punkt:

Flow braucht keine bestimmte Tätigkeit.

Er braucht eine Tätigkeit, die uns wirklich packt.

Kreativität und Flow passen besonders gut zusammen

Bei kreativen Tätigkeiten gibt es etwas, das ich besonders spannend finde:

Es gibt nicht immer nur eine richtige Lösung.

Wenn ich zeichne, male oder gestalte, kann ich ausprobieren.

Ich kann etwas verändern.

Ich kann einen Fehler machen und daraus entsteht vielleicht sogar eine ganz neue Idee – manchmal sogar besser als das, was ich geplant hatte.

Ich kann eine Idee verfolgen und plötzlich auf eine völlig andere kommen.

Und genau dieses offene Arbeiten kann einen besonderen Sog entwickeln.

Für mich war das früher fast wie ein innerer Dialog:

Eine Form führte zu einer anderen.

Eine Farbkombination brachte mich auf die nächste.

Aus einem Entwurf entstand die Idee für einen neuen.

Und irgendwann merkte ich:

Ich denke gar nicht mehr darüber nach, ob ich gerade kreativ bin. Ich bin einfach mittendrin.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum kreative Tätigkeiten so häufig mit Flow in Verbindung gebracht werden.

Flow fordert – und kann sich trotzdem erholsam anfühlen

Das klingt zunächst wie ein Widerspruch.

Wenn ich mich stark konzentriere, müsste ich doch eigentlich müde werden.

Natürlich kann konzentriertes Arbeiten anstrengend sein. Und stundenlanges Arbeiten ohne Pause ist auch für mich heute keine gute Idee mehr.

Aber Flow fühlt sich häufig anders an als die Anstrengung, die wir mit unangenehmer Arbeit verbinden.

Du setzt deine Aufmerksamkeit ein.

Du löst Probleme.

Du triffst Entscheidungen.

Du lernst vielleicht etwas.

Und trotzdem kann sich die Tätigkeit leicht und befriedigend anfühlen.

Eine aktuelle Übersichtsarbeit zu Flow beschreibt genau diese Kombination aus hoher Aufmerksamkeit, Herausforderung und einem Zustand des starken Aufgehens in der Tätigkeit. Forschung zu Flow beschäftigt sich außerdem zunehmend mit den möglichen Zusammenhängen mit Kreativität und emotionaler Regulation.

Das bedeutet nicht, dass Flow automatisch eine Therapie oder ein Gesundheitsmittel ist.

Aber ich finde die Vorstellung schön:

Unser Gehirn kann beschäftigt sein, ohne dass wir uns dabei ständig gestresst fühlen.

Warum wir heute vielleicht schwerer in den Flow kommen

Flow braucht ungeteilte Aufmerksamkeit. Und genau die ist im Alltag nicht immer leicht zu bekommen.

Nachrichten, Benachrichtigungen, E-Mails, Social Media, das Smartphone, das ständig irgendwo auf dem Tisch liegt – all diese kleinen Unterbrechungen können uns aus einer Tätigkeit herausreißen. Studien zeigen tatsächlich, dass schon Benachrichtigungen die Aufmerksamkeit und Leistung bei anspruchsvollen Aufgaben beeinträchtigen können.

Dabei ist das Smartphone gar nicht das eigentliche Problem. Das Problem ist die Unterbrechung.

Ich selbst benutze mein Smartphone sehr wenig. Ich finde es störend, wenn ständig ein Signal ertönt, ein Anruf kommt es sonst irgendwie meine Aufmerksamkeit beansprucht. Mein Laptop dagegen ist meistens eingeschaltet. Aber solange er still vor sich hin läuft stört er mich beim Arbeiten überhaupt nicht.

Und genau das ist vielleicht ein wichtiger Punkt: Flow braucht nicht zwingend digitale Enthaltsamkeit. Er braucht vor allem Raum für eine Sache.

Dauer-Erreichbarkeit ist der natürliche Feind des „Ich bin gerade ganz bei mir“

Ich glaube, Flow braucht vor allem eines:

eine Weile Ruhe.

Nicht unbedingt absolute Stille.

Du kannst wahrscheinlich auch mit Musik malen.

Oder in einem Café schreiben.

Oder beim Tanzen im Studio völlig im Flow sein.

Aber dein Gehirn braucht die Möglichkeit, bei einer Sache zu bleiben.

Und genau das wird schwieriger, wenn wir ständig zwischen verschiedenen Dingen springen.

Kreativ arbeiten.

Nachrichten beantworten.

E-Mail lesen.

Instagram anschauen.

Weiterarbeiten.

Kurz etwas googeln.

Noch einmal WhatsApp.

Wo war ich gerade?

Ach ja.

Genau da ist der Flow meistens schon wieder weg.

Wie kann ich Flow erleben?

Das ist die Frage, die mir immer wieder gestellt wird.

Und ich habe darauf leider keinen Zaubertrick.

Ich glaube sogar, dass man Flow nicht erzwingen kann.

Man kann aber Bedingungen schaffen, unter denen er wahrscheinlicher wird.

1. Finde etwas, das dich wirklich interessiert

Das klingt banal.

Ist aber vielleicht der wichtigste Punkt.

Du musst nicht malen, nur weil Malen angeblich gut fürs Gehirn ist.

Wenn du lieber fotografierst – fotografiere.

Wenn du beim Schreiben die Zeit vergisst – schreibe.

Wenn du beim Tüfteln an irgendwelchen technischen Dingen glücklich wirst – bitte, tu das. 😉

Flow entsteht eher dort, wo echtes Interesse vorhanden ist.

2. Die Aufgabe darf dich fordern

Wenn etwas viel zu einfach ist, langweilen wir uns.

Wenn es viel zu schwierig ist, werden wir nervös.

Ideal ist häufig eine Aufgabe, bei der du denkst:

„Das ist interessant. Ich muss mich ein bisschen anstrengen – aber ich kriege das hin.“

Und genau diese Herausforderung kann sich mit zunehmender Erfahrung verändern.

Was früher schwierig war, wird irgendwann selbstverständlich.

Dann braucht es vielleicht eine neue Herausforderung.

3. Schalte die Störquellen aus

Wenn du kreativ arbeiten möchtest, probiere es einmal ganz bewusst:

Handy auf lautlos.

Benachrichtigungen aus.

Vielleicht sogar in einen anderen Raum.

Nicht nebenbei E-Mails beantworten.

Nicht ständig auf die Uhr schauen.

Einfach:

eine Sache.

Und dann schauen, was passiert.

4. Gib dir Zeit

Flow kommt nicht immer nach drei Minuten.

Manchmal braucht unser Kopf erst einmal eine Weile, bis er aus dem Alltagsmodus herauskommt.

Gerade nach einer längeren Pause kenne ich das selbst.

Dann sitze ich zunächst vielleicht da und denke:

Und jetzt?

Aber wenn ich anfange, kommt manchmal langsam etwas ins Rollen.

Eine Idee.

Dann eine zweite.

Und plötzlich bin ich wieder drin.

5. Erlaube dir, nicht perfekt zu sein

Das ist vielleicht besonders für kreative Tätigkeiten wichtig.

Wenn ich von Anfang an erwarte, dass etwas wunderschön werden muss, kann ich mich selbst blockieren.

Flow braucht ein gewisses Maß an Spielraum.

Ausprobieren.

Verwerfen.

Neu anfangen.

Fehler machen.

Anders machen.

Vielleicht wird daraus etwas Gutes.

Vielleicht auch nicht.

Aber das muss ich am Anfang noch gar nicht wissen.

Und bitte: Pausen nicht vergessen!

Hier muss ich mir selbst inzwischen allerdings ein bisschen widersprechen. 😉

Mit 30 oder 40 konnte ich offenbar wesentlich leichter ignorieren, dass mein Körper auch noch da war.

Ich habe im Stehen gearbeitet, meist stundenlang.

Ich habe vergessen zu essen.

Und wahrscheinlich hätte ich auch vergessen, zwischendurch einmal die Schultern zu bewegen, wenn mein Körper nicht irgendwann selbst protestiert hätte.

Heute, mit über 60, macht er sich schneller bemerkbar.

Und das finde ich eigentlich ganz gut.

Denn Flow darf nicht bedeuten, dass wir unseren Körper komplett vergessen.

Auch wenn wir geistig völlig in einer Tätigkeit aufgehen, brauchen wir Bewegung, Flüssigkeit, Nahrung und Pausen.

Die Kunst ist vielleicht nicht, möglichst lange im Flow zu bleiben.

Sondern ihn zu genießen – und trotzdem irgendwann aufzustehen.

Flow ist kein Wettbewerb

Das ist mir wichtig.

Du musst nicht vier Stunden am Stück malen.

Du musst nicht jeden Tag einen kreativen Flow erleben.

Und du musst überhaupt nicht kreativ arbeiten, um geistig fit zu bleiben.

Vielleicht ist dein Flow beim Gärtnern.

Beim Kochen.

Beim Musizieren.

Beim Fotografieren.

Beim Nähen.

Beim Schreiben.

Beim Tanzen.

Beim Reparieren eines alten Radios.

Oder eben beim Tüfteln an irgendeinem technischen Gerät, das ich persönlich wahrscheinlich nach fünf

Minuten frustriert in die Ecke stellen würde. 😉

Es gibt keinen falschen Flow.

Es gibt nur Tätigkeiten, bei denen wir uns selbst vergessen können.

Und vielleicht ist genau das etwas, das wir uns im Alltag wieder häufiger erlauben sollten.

Mein persönlicher Flow-Moment

Wenn ich heute an meine Jahre als Designerin zurückdenke, vermisse ich dieses Gefühl manchmal.

Nicht unbedingt die langen Arbeitsnächte.

Nicht das vergessene Essen.

Und ganz sicher nicht das stundenlange Stehen. 😉

Aber dieses Gefühl, wenn eine Idee plötzlich auf die nächste trifft …

Wenn ich gar nicht mehr merke, wie die Zeit vergeht …

Wenn ich nicht darüber nachdenke, ob das gerade sinnvoll ist …

Wenn ich einfach mache …

Das fehlt mir manchmal.

Und vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum ich heute wieder so gerne kreativ arbeite.

Nicht, weil daraus unbedingt etwas Großes entstehen muss.

Sondern weil ich dieses Gefühl liebe:

Ich bin gerade genau hier.

Vielleicht brauchen wir mehr Momente, in denen wir die Zeit vergessen

Wir sprechen so viel über Entspannung.

Meditation.

Wellness.

Achtsamkeit.

Auszeiten.

Alles schön und wichtig.

Aber vielleicht gibt es noch eine andere Form von Erholung:

voll und ganz in etwas aufzugehen.

Nicht abschalten.

Sondern eintauchen.

Nicht nichts tun.

Sondern etwas tun, das uns so sehr interessiert, dass wir für eine Weile alles andere vergessen.

Vielleicht ist das eine der schönsten Seiten kreativer Beschäftigung.

Sie kann unseren Kopf beschäftigen und gleichzeitig unseren Alltag für einen Moment leiser machen.

Und vielleicht brauchen wir genau solche Momente gerade ab 50 besonders.

Nicht, um jünger zu werden.

Sondern um uns lebendig zu fühlen.

FAQ: Flow ab 50

Was ist ein Flow-Zustand?

Flow bezeichnet einen Zustand intensiver Konzentration und des völligen Aufgehens in einer Tätigkeit. Häufig verändern sich dabei das Zeitgefühl und die Selbstwahrnehmung. Besonders gut untersucht ist die Rolle eines passenden Verhältnisses zwischen Herausforderung und eigenen Fähigkeiten.

Wie kann ich Flow erreichen?

Flow lässt sich nicht zuverlässig erzwingen. Wahrscheinlicher wird er bei Tätigkeiten, die dich wirklich interessieren, dich angemessen fordern und bei denen du dich konzentrieren kannst. Klare Ziele, direktes Feedback und möglichst wenige Unterbrechungen können ebenfalls hilfreich sein.

Kann Kreativität Flow auslösen?

Ja, kreative Tätigkeiten eignen sich häufig gut dafür, weil sie Konzentration, Entscheidungen, Problemlösung und persönliches Interesse miteinander verbinden. Flow ist allerdings nicht auf Kunst beschränkt.

Warum stört das Smartphone den Flow?

Benachrichtigungen und andere Unterbrechungen können Aufmerksamkeit und Leistung beeinträchtigen. Studien zeigen, dass dafür teilweise schon die Benachrichtigung selbst ausreicht, ohne dass das Smartphone aktiv benutzt wird.

st Flow dasselbe wie Entspannung?

Nein. Im Flow ist das Gehirn keineswegs untätig. Flow ist eher ein Zustand intensiver, aber als angenehm erlebter Beschäftigung. Deshalb kann sich Flow gleichzeitig anstrengend und erholsam anfühlen.

Ist Flow im Alter noch möglich?

Natürlich. Flow ist nicht an ein bestimmtes Alter gebunden. Entscheidend sind unter anderem Interesse, Herausforderung, Fähigkeiten und die Möglichkeit, sich auf eine Tätigkeit einzulassen.